Wir Weltmeister

Es ist sicherlich unbestritten, dass der männliche Teil unserer Spezies eine Jahrhunderte währende Hegemonie in Gesellschaft, Wissenschaft, Verwaltung und Wirtschaft inne hat. Auch wenn diese Vorherrschaft in den letzten Generationen erste Schwächen zeigt, scheint ihr Fortbestand im öffentlichen Leben für weitere Jahrzehnte gesichert.

In einem auffälligen Gegensatz steht dazu häufig der männliche Einflussbereich im privaten, im häuslichen Umfeld, der sich eher auf die Peripherie beschränkt. Kurz der private Mann ist meist nur Herr über Garage und Keller.

Und sicherlich könnte man trefflich darüber spekulieren, ob nicht große Teile der Unvollkommenheit unserer Welt dem Umstand geschuldet sind, daß – vor allem im fortgeschrittenen urbanen Milieu, in den Ballungszentren und Metropolen – häufig selbst diese bescheidene Einflußsphäre nicht mehr vorkommt. Ein König ohne Königreich, geschweige denn ein Pferd, ist möglicherweise anfällig für radikale und gleichwohl einfache Ansätze.

Passend zu der beschränkten Einflußsphäre des Mannes im Privaten sind auch die zu verantwortenden Tätigkeiten oft geprägt von niederem sozialen Anspruch und geringer Komplexität. Positiv formuliert: Der Mann ist im häuslichen Bereich oft überqualifiziert. Dies muss nicht immer von Nachteil sein, denn wenn es eine Tätigkeit gibt, die bis heute fast synonym zu männlicher Betätigung geworden ist, dann ist es die, die häufig initiiert wird mit dem simplen Satz: „Kannst Du mal den Müll rausbringen“. Und ob Zufall oder nicht – in Punkto Müll ist Deutschland Weltmeister! Und das sowohl in Bezug auf die Menge als auch auf die Trennung des Mülls in seine… hm ja was? – seine Bestandteile. Also Deutschland ist nicht etwa Weltmeister im Bereich der Bildung oder Kinderbetreuung, aber beim Mülltrennen macht uns keiner so leicht etwas vor. Vielleicht auch aufgrund der, in die Peripherie des häuslichen Lebens abgedrängten und häufig überqualifizierten, Männer.

Wertstoffhof_kAber die einfacheTätigkeit von einst ist heute schon lange nicht mehr so einfach. Sie setzt inwischen vielfach höhere Ansprüche an Kommunikations- und vor allem Motivationsfähigkeit voraus. Man könnte sogar sagen, dass in kaum einen anderen Bereich der technologische Wandel und die gewachsene gesellschaftliche Verantwortung so sichtbar wird, wie beim häuslichen Müllsammeln.

So war es für mich durchaus wie das Bestehen einer großen Prüfung, als es mir vor nicht allzulanger Zeit das erste Mal gelang, unbeanstandet meine Abfälle – pardon   – Wertstoffe im Wertstoffhof abzugeben. Aber, wie jeder weiß, nach der Prüfung ist vor der nächsten Prüfung und so bleibt immer ein Restrisiko auf dem samstäglichen Weg zu den Containern. Besonders heikel ist die Kategorie „Mischkunststoffe“. Die Liste der erlaubten und nicht erlaubten Dinge ist lang, vielfach unlogisch und einfach nicht zu merken. Die meisten versuchen, genau wie ich, in einem unbeobachteten Moment, den gesamten Sack auf einem Mal im Misch-Container zu deponieren. Wenn das nicht klappt und der Inhalt inspiziert wird, dann lässt man in Gedanken die letzte Müllperiode vor seinem geistigen Auge ablaufen und hoffen, hoffen, hoffen. Aber wie leicht kann fahrlässigerweise ein Kunststoffbecher in den Mischkunststoffen landen!

Der Ertappte wird dann mindestens mit einem strafenden Blick  nicht unter zwei Sekunden bedacht. Die Pein steigert sich, wenn, der oftmals betagte Mitarbeiter für alle anderen sichtbar, den Fehler korrigiert und den Becher anklagend in der Hand haltend und betont langsam zum Becher-Container trägt.

Diese Erniedrigung ist in der Tat hart, insbesondere dann, wenn man es schafft, den Restmüll einer vierköpfigen Familie locker in der kleinsten verfügbaren Tonne unterzubringen. Und wenn man sich intensiv mit Fragen beschäftigt hat wie – welcher Unterschied besteht zwischen einer Plastikfolie und einer mit einer Tausendstel Millimeter aufgedampften Metallschicht? Wie definiert man den Unterschied zwischen einem Becher und einer Schale? Und was ist mit dem Deckel? Gehört der dazu? Und überhaupt, was hat das mit dem Stoff zu tun? Wer denkt da nicht jedes Mal an die Formalismusdebatte der 60er Jahe: Form schlägt Inhalt. Oder war es umgekehrt?

Und wer denkt nicht manchmal diesen hässlichen, defätistischen Satz: Wird doch eh alles zusammengekippt?

Trotzdem, manchmal gibt es auch Hoffnungsvolles: Letztens arbeiten am Recyclinghof auch Flüchtlinge. Einer nimmt mir den Sack mit den heiklen Mischkunststoffen ab und fördert – ich förmlich erstarrt – eine Bierdose zu Tage. Eine Bierdose! Nicht nur, dass eine Bierdose nichts bei den Mischkunststoffen zu suchen hat – niemand in unserem Haus trinkt Bier … aus Dosen – doppelschwör. Fassunglos und demütig erwarte ich meine Bestrafung. Aber was tut dieser Mann? Er nimmt die Dose, als wäre es die normalste Sache der Welt, und wirft sie mit Schwung – wohin, habe ich vergessen – und gibt mir einen „Daumenhoch“ – alles klar Meister, danke! Das ist der Augenblick, in dem auch mir klar wird, wie schwierig Integration sein kann.

Dennoch – Müllrausbringen ist inzwischen eine komplexe Tätigkeit. Seit kurzem werden auch kompostierbare Abfälle angenommen. Damit wird es natürlich nicht einfacher, im Gegenteil, das Müllthema rückt von der Peripherie näher an das häusliche und familiäre Leben, ja schmiegt sich förmlich an den Dreh- und Angelpunkt des Privaten: Die Küche.

Aber Homo Sapiens hat nicht über Jahrtausende immer wieder neue Überlebensstrategien angewandt, um in einer, sich ändernden Umwelt, zu überleben. Der Meister der Anpassung wird auch dieser Herausforderung gerecht werden: Nun, es mag täuschen, aber in letzter Zeit sind häufiger Frauen am Recyclinghof zu sehen…

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